Kirche gemeinsam verändern

Ansprache Dr. Arnold Mettnitzer als Text

Veröffentlicht von Gabriel Stabentheiner am 12.09.2019
Arnold Mettnitzer im Dom
Arnold Mettnitzer im Dom

„Wenn endlich endlich kommt“ - Perspektiven der Hoffnung

Ein offener Brief an Alois Schwarz von Arnold Mettnitzer im Rahmen des Mittwochgebetes am 11.09.2019 um 18:00 Uhr im Klagenfurter Dom 

 

Lieber Alois Schwarz!

Wir beide kennen uns seit Studienzeiten im Wiener Priesterseminar. Gerne erinnere ich mich an diese gemeinsame Zeit. Den humorvollen, unerschrockenen Bauernbuben in Dir habe ich gemocht, Deine Lockerheit geschätzt, Deinen freiwilligen Einsatz als Rettungsfahrer immer restlos bewundert, Deiner manchmal siebensüßen Bauernschläue nicht immer vertraut, die einfache, aber herzliche Gastfreundschaft in Deinem Elternhaus sehr genossen.

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen: Du bist Bischof geworden. Ich habe das Priesteramt gegen die Rolle eines weltlichen Seelsorgers getauscht.

Als ich eingeladen wurde, beim heutigen Mittwochgebet im Klagenfurter Dom die Ansprache zu halten, habe ich zunächst gezögert:Zu schnell könnte ja der Eindruck entstehen, dass da jemand, der es leider nicht geschafft hat, Bischof zu werden, sich in Schadenfreude an Dir abarbeiten möchte...

Dann aber habe ich gerne zugesagt, auch, um Dir persönlich damit sagen zu können, was mir im Blick auf Deine Zeit als Bischof in meiner Kärntner Heimat auf der Seele liegt:

Alois, Dein Humor hat sich, so jedenfalls erlebte ich es, in Zynismus verwandelt, Deine Unerschrockenheit in Despotismus, Deine Bauernschläue in einen äußerst fragwürdigen Umgang mit der Wahrheit. Mehrmals hast Du mir ins Gesicht gelogen, um Deines zu wahren!  Mitarbeiter mussten sich von Dir zurückziehen, weil Du sie durch Deinen Umgang mit der Wahrheit in schwere Gewissensnöte gebracht hast!!!

Wir beide kennen seit Studientagen die Worte des großen Augustinus von Hippo, mit denen er die schwierige Aufgabe eines Bischofs beschreibt:

  • Unruhestifter zurechtweisen - Kleinmütige trösten
  • Sich der Schwachen annehmen - Gegner widerlegen
  • Sich vor Nachstellern hüten - Ungebildete lehren
  • Träge wachrütteln - Händelsucher zurückhalten
  • Eingebildeten den rechten Platz anweisen -
  • Streitende besänftigen - Armen helfen - Unterdrückte befreien
  • Gute ermutigen - Böse ertragen - Und – ach – alle lieben

(Aus einer Predigt des Augustinus (354 - 430), Bischof von Hippo in Nordafrika, über seine Aufgaben (Sermo 340, De ordinatione episcopi), zitiert in: Hans Winkler, Egon Kapellari. Was kommt? Was bleibt? Gespräche an einer Lebenswende, Styria 2013, Seite 7)

Versteh mich bitte nicht zu schnell: Ich werfe Dir nicht vor, dass Du bei einem solchen Steilpass an Vorgaben in vielen Punkten scheitern musstest.

Ich werfe Dir aber vor, dass Du Deine Gegner nicht widerlegt, sondern bespitzelt hast, Streitende so nicht besänftigt, sondern gerade dadurch erst recht Öl ins Feuer gegossen hast, das seither lodert und der Kirche schweren Schaden zufügt.

Als jemand, der das Priesteramt aus Liebe zu einer Frau verlassen hat, fiele es mir auch im Traum nicht ein, Dir – so es ein solches geben sollte – das intime Verhältnis zu einer Frau zum Vorwurf zu machen. Im Gegenteil: Ich gönne Dir diese Erfahrung aus tiefster Überzeugung mit allen Fasern meines Herzens!

Was ich Dir aber in diesem Zusammenhang vorwerfen muss - und Du weißt, dass ich damit nicht allein bin - ist, dass Du Deine Verantwortung als Bischof mit einer Frau geteilt hast, dadurch viele Deiner Mitbrüder im Priesteramt brüskiert und zu ohnmächtigen Statisten degradiert hast.

Garniert hast Du das Ganze dann auch noch Deinen Freunden gegenüber mit dem zynischen Kommentar: Du würdest Deine Verpflichtung zum Zölibat so leben, dass Dich eine eventuelle römische Lockerung des Zölibatsversprechens nicht unvorbereitet treffen könne… 

Deine rhetorischen Fähigkeiten werden von vielen Menschen zurecht bewundert. Und der Klagenfurter Dompfarrer hat aus Anlass Deiner Versetzung nach St. Pölten den Niederösterreichern auch unter Hinweis auf diese Deine Stärke zu ihrem neuen Bischof gratuliert!

Menschen schätzen das an Dir, solange sie nicht durch die Taten, die Du Deinen Worten folgen lässt, enttäuscht werden. Die Afrikaner haben ein Sprichwort, dass ich mir auch selbst immer wieder in Erinnerung zu rufen habe: „Worte sind schön! Aber Hühner legen Eier!“

Ab einem gewissen Alter und erst recht in Verbindung mit einem verantwortungsvollen Amt darf von jedem von uns erwartet werden, dass wir für die faulen Eier unseres Lebens die Verantwortung übernehmen. Weit davon entfernt, Dich hier zu belehren, möchte ich Dir in diesem Zusammenhang von meiner Mutter erzählen:

Mit ihren 87 Jahren liest sie jeden Tag die Kleine Zeitung und verfolgt als Altbäuerin im Marienheim in Spittal an der Drau mit besonderem Interesse auch das, was in der Kärntner Diözese vor sich geht. Vor Kurzem sagte sie zu mir:

„Als orm‘s Pensionistenweible zohl i hiatz mein Kirchenbeitrag so long nit ein, bis sie mi klogn. Und wenn sie mi klogen, wer i sen sog‘n: ‚Bringt’s z‘erst die Kirchn in Kärnten wieder in Ordnung, donn zohl‘ i enk gern wieder meine paar Nepf!‘“

Und dann sagt sie: „Wenn da Bischof nach oll dem, was passiert ist, hergeaht und si hinstellt und sogt: „In bin holt a lei a Mensch und hon long nit vastondn, wos i do ongrichtet hon, bittenkgorschean tuabs ma dos vazeihn!‘ – donn waret ois lei holb so schlimm – und a Ruha war!“

Auf dieses Dein Eingeständnis, lieber Alois, hoffe ich immer noch!

Freilich handelt es sich dabei um jene winzig kleine Hoffnung, die fast nach gar nichts aussieht, von der ich aber überzeugt bin, dass sie nicht sterben kann … Freilich wird es – je länger Du schweigst – um so unwahrscheinlicher.

Ich sage Dir das in dieser Gebetsstunde und gestehe Dir, dass es mir nicht leichtfällt, in diesem Sinne für Dich zu beten! 

Aber was wäre unser aller Beten für ein jämmerlicher Etikettenschwindel, wenn es uns dabei nicht darum ginge, alles zu tun und darum zu bitten, dass uns allen im besten Sinne des Wortes die Kraft geschenkt wird, zur Wahrheit zu stehen!!!

Lass Dich dabei ermutigen von den vielen Menschen, die jeden Mittwoch hier im Klagenfurter Dom ein beeindruckendes Zeichen einer lebendigen Kirche mündiger Christen setzen. Niemandem hier, so bin ich überzeugt, geht es dabei um Rache; wohl allen aber um Klärung, ohne die ein Neubeginn nicht vorstellbar ist.

Was wir dazu brauchen und um was wir hier füreinander bitten, ist Unerschrockenheit und Phantasie, von der Dorothee Sölle meint, sie wäre „die Mutter aller Tugenden von morgen“!

Oder, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen:

Was wir brauchen, ist der Mut, „wenn endlich endlich kommt“ noch einmal aufzuspringen, die alte schimpfliche Ordnung einzureißen und anders zu sein, „damit die Welt sich verändert, damit sie die Richtung ändert, endlich!“

(Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr, Erzählungen, Deutscher Taschenbuchverlag , 16. Auflage 1982, Seite 28-30 ( auch dtv großdruck Band 2533))

Darum gemeinsam zu beten, haben wir uns hier versammelt!

Lieber Alois! Wären meine Worte eine Predigt, sollte ich hier „Amen!“ sagen.

Weil es aber ein Brief an Dich ist, sage ich zum Schluss: „Bitte! Mach´s gut!“